
Frauen 4 Business – jurassicgiogio
"Frauen 4 Business"
Mein Blog für Frauen in der Selbständigkeit. Für unsere Sichtbarkeit und gegenseitigen Support!
Heute zu Gast bei mir:
Giogiò Scordino - Jurassicgioio -
Tattooartist
aus Ravensburg
und auf ihrer Internetseite https://www.jurassicgiogio.de/
Ich habe mich bei manchen Antworten sehr amüsiert und mich generell wirklich über deine Offenheit gefreut, danke Giogiò 🩷
Bitte erzähl uns kurz, wie alles begann … es war einmal …
Wir befinden uns in Mailand, im Stadtkern, aber nicht in der Altstadt. Stadtrand, aber nicht ländlich. Entfernt von der Movida und dem Modeviereck, jedoch kein reines Wohnviertel. Grau, stinkig, desolat – eine Arbeitergegend, inzwischen geprägt von Randgruppen, Prostitution und wenig Kultur. Meine Eltern sagten immer, als sie die Wohnung kauften, sei es noch besser gewesen. Nazis und Linke hatten ihre politisch geprägten Läden nicht weit voneinander entfernt, dazwischen das ägyptische Konsulat. Gegenüber ein Gebäude aus der Zeit des Faschismus, das damalsund heute eine staatliche Schule beherbergt. Ja, genau da: wo immer ein Jeep des Militärs steht und mindestens zwei Soldaten so schwer bewaffnet sind, als würde gleich der Krieg ausbrechen. Zwischen zwei historischen Stadtteilen, genau in der Mitte – ein Niemandsland. Nicht mal eine eigene U-Bahn-Station gibt es; man ist genau zwischen zwei Linien. Egal, wie frau läuft, es ist immer die gleiche Entfernung. Und dann ab zur Schule, zum Sport, in Autonome Zentren, zu Konzerten … alles erreichbar und gleichzeitig unvorstellbar weit weg.
Wo war ich noch mal? Ach ja, es begann mit einer extrem jungen Person, die vor über zwanzig Jahren eine CD von Rancid in die Hand gedrückt bekam und entschied, alles dafür zu tun, um genau an diesem „Etwas“ teilzunehmen. Das war meine allererste Begegnung mit Subkultur, und seitdem hat sich nicht viel verändert. Ich entschied, so bald wie möglich – also mit der Volljährigkeit – einen Ausbildungsplatz in einem Tattooshop zu finden. Ich habe keine Zeit verschwendet: Noch vor meinem Abi hatte ich einen Platz in einem von nur zwei frauengeführten Tattooshops in Mailand.
Du hast einen echt besonderen Stil. Wie beschreibst du ihn?
Ich nenne es Neurotic Realism, es lässt sich jedoch auch als extrem illustrativer Tribal-Stil beschreiben. Der Wiedererkennungswert ergibt sich aus einem großzügigen, flächigen Schwarzanteil, verspielten Linien in mindestens zwei Stärken und bewussten Leerstellen.An der Realität der Dinge angelehnt, abstrahiert, düster, albern, reduziert … all das kommt je nach Kundenwunsch noch oben drauf.
Wo findet man dich?
Nie habe ich mich in meinem bisherigen Leben irgendwo wirklich zugehörig gefühlt. Oft hatte ich den starken Drang weiterzuziehen – bloß keinen Stillstand riskieren!
Die Zeiten vom „Verlorensein im Nirgendwo“ sind jedoch vorbei: Ich bin im Black Rainbow in Ravensburg fest zu Hause. Nachmittags hänge ich in der Regel am Katzenliesele (ein Spielplatz in der Altstadt) oder am Flappach ab, nicht weit vom Shop.
Möchtest du uns ein bisschen was über deinen Alltag als Tätowiererin mit Familie erzählen?
Über die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern könnten wir uns lange unterhalten. Es ist definitiv schwierig, alles unter einen Hut zu bringen und jedem gerecht zu werden, wenn der Job gleichzeitig Berufung und Lebensinhalt ist. Ich liebe meine Kinder und bin froh darüber, nachmittags Zeit mit ihnen zu verbringen. Gleichzeitig mache ich alles andere nur zwischendurch und nebenbei. Mein Alltag ist extrem eng getaktet, darüber darf ich gar nicht zu viel nachdenken. Abends fehlt mir oft die Energie (oder die Zeit), um noch ein oder zwei Stunden kreativ zu sein – oder überhaupt noch etwas zu tun, ehrlicherweise. Ich leide darunter, weil ich gerne mehr kreativen Output hätte. Ich bräuchte ihn sowohl für das Geschäft als auch für meine psychische Gesundheit. Andererseits bin ich, seit ich Kinder habe, geistig teilweise so erschöpft und über meine Grenzen gegangen, dass ich vor dem Papier sitze und nichts zu sagen habe. Leicht ist es definitiv nicht, jedoch für eine begrenzte Zeit machbar. Zu meiner Familie gehört natürlich auch mein extrem süßer und lustiger Ehemann. Wir sind ein fest verschweißtes, dynamisches Team und gerade sehr gut eingespielt. Das war nicht leicht, aber es hat geklappt.
Erzähl uns bitte kurz, wie das bei euch im Laden abläuft – und warum du immer so strahlst, wenn du davon redest.
Wir sind ein festes Team aus vier langjährig selbstständigen Tätowierern und betreiben die einzigartige Kombi „Street Shop ohne feste Öffnungszeiten“. Fast immer ist jemand da und wir bedienen jeden Stil – mit Termin oder ohne, von Flash bis Custom. Alles ist möglich und Tätowieren steht auf unserer Prioritätsliste ganz oben. Dank Micas gutem Geschmack und seiner Sammelleidenschaft sieht der Laden „Bombe“ aus; in jeder Ecke finden sich fantastische, tattoo-relevante Sammelstücke. Ohne zu übertreiben: Manchmal denke ich, dass es langsam fast ein Museum wird. Der Tattooshop allgemein ist mein Lieblingsort, eine genau auf mich zugeschnittene Dimension. Da fühle ich mich geborgen, authentisch und innerlich lebendig und warm. Da gehöre ich dazu und bin Teil von etwas Zeit- und Raumlosem, verbunden mit Tradition und Geschichte. Wahrscheinlich strahle ich deswegen so, wenn ich davon rede.
Hast du ein Lieblingsmotiv, das du gerne mal stechen würdest?
JA. Dinosaurier und brennende Kirchen. Ich habe öfter das Glück, so etwas gestalten zu dürfen, und durfte sie sogar schon in Kombination tätowieren … dafür bin ich immer zu begeistern. Momentan beschäftige ich mich gerne mit Horror und mittelalterlichen Motiven, aber allgemein reizt mich alles, was sehr schwarz und „bröckelig“ dargestellt werden kann. Dazu möchte ich ergänzen, dass mir das Tätowieren rein technisch wahnsinnig viel Freude bereitet. Daher freue ich mich auf jeden Termin … Hauptsache, ich darf tätowieren!
Leider haben wir kein Foto von einem Dino gemacht :(
Was war dein tollstes Tattoo überhaupt?
Schwer zu sagen, in 18 Jahren kommen eine Menge Tätowierungen zusammen. Aber spontan würde ich – aus verschiedenen Gründen – ein Klo nennen, in dem ein Herz runtergespült wird. Etwa 7x7 cm groß, die einzige Tätowierung auf einem Unterarm.
Damit sind wir bei deinen Lieblingskunden: Was bringen die mit, was darfst du tun und wie läuft es ab?
Ehrlicherweise sind alle Kund:innen, die mir mit Respekt begegnen, meine Lieblingskundschaft. Klingt schnulzig, ist aber so. Ich weiß eine offene Kommunikation zu schätzen, deshalb vergebe ich gerne – vor allem bei Neukunden – unverbindliche, kostenlose Besprechungstermine. Darin tauschen wir uns frei über das Projekt und ein wenig über das Leben aus. Am Ende wissen wir beide, wo wir stehen und was wir erwarten können. Ich weiß, was die Person mag und was nicht – eben alles, was für einen reibungslosen Termin wichtig ist. Manche Leute bringen ein fertiges Design mit, andere nur ein paar Stichworte; mir ist beides und alles dazwischen recht. Ich mache mir gerne Notizen und Listen. In Ausnahmefällen schicke ich vorab einen groben Entwurf raus, aber normalerweise ist das Design am Tag des Termins zur Ansicht da. Kleine Anpassungen sind immer möglich. Größere Änderungen am Gesamtkonzept brauchennatürlich Vorlauf und eventuell einen neuen Plan.
Gibt es Motive, die du „never ever“ stechen würdest?
Rechtsextreme, sexistische, rassistische, beleidigende oder ausgrenzende Kackscheiße habe ich nie gemacht, mache ich nicht und werde ich nie machen.
Was hat es mit deiner Sargnadel auf sich?
Schon seit meiner Kindheit fühle ich mich friedlich todgeweiht. Vieles in meiner Arbeit und in meinem Leben dreht sich darum. Als ich bei einem Tätowierer eine zweckentfremdete Sargnadel als Handpoking-Werkzeug erwerben konnte, hat es sich einfach richtig angefühlt.
Wie laufen deine Kreativprozesse ab?
Krampf- und schlagartig, mühsam, compulsiv, von außen leise und von innen extrem komplex und verdreht.Gleichzeitig organisiert: Ich sammle Material, informiere mich, übersetze meine Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen in ein oder mehrere Bilder. Ich achte auf den Kontext und den semiotischen Hintergrund, hinterfrage die Intention – und erstelle doch kein definitives Bild, weil auf der Haut ohnehin alles anders wirkt. Zu viel Feinschliff würde meine Bilder töten und abflachen. Zwischendurch bekomme ich kleine Krisen und fühle mich überfordert! Die gehen aber mit einem Fruchtsorbet meist schnell wieder weg.
Was macht dich in deiner Arbeit besonders?
Ich denke, meine Kundschaft schätzt meine Kreativität und dass ich sehr offen und empathisch bin. Meine kulturelle Identität ist geprägt von einer Gastfreundschaft, die keine Distanz kennt; ich bin ein sehr warmherziger Mensch und versuche eine vertraute Atmosphäre für meinen Kunden zu schaffen. Keine Idee ist für mich doof und ich werte absolut nichts – weder das, was die Kunden als Vorlage mitbringen, noch ihr Aussehen oder ihre Figur. Dazu kommt mein Gespür für Gestaltung und das Bedürfnis nach Ikonografie. Ich denke, ich kann schwere Themen mit viel Leichtigkeit lösen und gleichzeitig alberne oder witzige Ideen düster gestalten. Alle, die satte Flächen und eine spielerische, aber sichere Linienführung schätzen, werden bei mir glücklich.
Was sind deine größten Herausforderungen in deiner Selbstständigkeit?
Bisher keine. Ich denke, ich hätte eher Schwierigkeiten in einer angestellten Position. Das Einzige, was mir richtig zu schaffen macht, ist die Vorstellung von Altersarmut, denn wie viele Soloselbstständige kann ich nicht wirklich ausreichend vorsorgen.
... was sind die besonderen Momente?
Ich genieße es sehr, meine eigenen Deadlines und meinen Arbeitsrhythmus selbst gestalten zu dürfen – dass ich selbst entscheiden kann, was ich wann wie mache. Natürlich heißt das, dass ich immer so viel wie möglich mache und oft zu Zeitenarbeite, die in einem geregelten Job nicht in Erwägung kämen. Das ist aber kein Problem für mich. Ich würde sowieso nichts anderes machen wollen, als diesen kreativen Beruf voll auszuleben.
Wie gehst du mit Kritik um?
Ich habe mir selbst beigebracht, mir alles anzuhören und das Beste daraus zu machen. Ich bin jederzeit bereit, einen Schritt zur Seite zu gehen und mich selbst, meine Arbeit oder mein Verhalten von außen zu betrachten. Konstruktive Kritik ist für mich willkommen und sehr wertvoll. Wenn ich sie bekomme, muss ich jedoch eine Stimme in meinem Kopf ständig überreden, die Fresse zu halten. Ich muss aufhören, innerlich „Nein“ zu sagen, und einfach zuhören, was der andere Mensch sagt – weil es „uns“ ja eigentlich interessiert.
Was machst du morgens nach dem Aufstehen als Erstes?
Ich suche meine Brille.
Was macht dir Freude?
Morgens die Tür vom Tattooshop aufschließen. Kraftsport, wenn ich richtig viel Gewicht schleppen kann. Eine technisch saubere, gut gelungene, haltbare Tätowierung. Feministische Sachbücher lesen und mich in ein Thema so richtig eingraben, bis ich alles darüber weiß. Meine Kinder dabei erwischen, wie sie sich gegenseitig fröhlich anfauchen. Die Kinder als Zombies schminken. Mit dem Fahrrad im Wald fahren. Davor lächeln sehen und mit ihm Mountainbike fahren.
Was würdest du gerne verändern?
Die politische Weltlage. Die scheinbare Notwendigkeit der politischen Klasse oder mancher Völker und Gruppen nach Krieg. Die Zweiklassengesellschaft. Das Patriarchat würde ich gern vergessen dürfen – und die Tatsache, dass Männer als Gruppe für Frauen und sogar für sich selbst so gefährlich sind. Last but not least wäre ich gerne weniger empfindlich gegenüber Hintergrundgeräuschen und würde gerne Weizengluten vertragen.
Was bewegt dich momentan?
Wut – schon immer eigentlich – aber in den letzten Jahren zunehmend Neugier. Neugier auf das Geheime, Düstere.Tabuthemen wie der Tod und unser kultureller Ursprung fesseln mich sehr.
Wer oder was inspiriert dich?
Mich inspiriert der Wunsch, Dinge verstehen zu wollen. Sie auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen, um ihre Funktion und Ästhetik zu untersuchen. Allgemein interessiert und beschäftigt mich die Kommunikation durch Bilder sehr, ganz unabhängig vom Thema. Wie lasse ich eine Person, die ich nie zuvor gesehen habe, genau das verstehen, was ich denke oder zeichne, ohne dass Missverständnisse entstehen? Wie kann ich eine Intention für alle zugänglich und deutlich machen?
Was ist dir wirklich wichtig im Leben?
Tätowieren.
Worauf freust du dich in der kommenden Woche?
Auf meine Tattootermine. Das fühlt sich fast absurd und armselig an, denn ich sollte eigentlich die Kinder oder meinen Mann erwähnen. Aber das Tätowieren ist einfach der rote Faden meines Lebens. Ich habe mich darauf eingelassen, Jahre bevor ich überhaupt ein Gespür vom Leben hatte, und jetzt ist es einfach unabdingbar für mich. Ich bin ein besseres Elternteil und eine bessere Partnerin, wenn ich davor im Tattooshop war!
Hast du eine „geheime“ Schwäche?
Ich fürchte, da bei mir kein Filter zwischen Hirn und Mund eingebaut wurde, liegen meine Schwächen offen auf dem Tisch. Aber die Schwäche, die ich am meisten hasse, ist, dass ich Leute oft beim Reden unterbreche. Manchmal vergesse ich beim Sprechen auch, wo ich war, muss mitten im Satz aufhören und schaue dann echt dumm aus der Wäsche. Ach ja, und ich habe immer noch nicht gelernt, welche Dinge man am besten nicht direkt sagt oder zumindest versucht, diplomatisch auszudrücken. Was ich aber Wertvolles von meinem Ehemann gelernt habe, ist, dass ich manchmal auch einfach schweigen und lächeln kann, statt in eine unnötige Konfliktsituation hineinzugehen.
Hast du eine Vision für die Zukunft?
Meine Asche liegt nicht auf einem Friedhof begraben. Genaueres kann ich noch nicht sagen, aber das ist mir ganz wichtig. Und: Bis zum letzten Tag habe ich tätowiert.
Wünscht du dir etwas von der Gesellschaft?
In der Tat wünsche ich mir Toleranz, Offenheit, Respekt, Mut und Nächstenliebe.
Gibt es noch etwas, was du uns gerne erzählen möchtest? Und wie war unsere Zusammenarbeit für dich?
Lustig, inspirierend, freudig. Zum Teil eine kleine Wunscherfüllung. Die Zeit mit dir ist immer fantastisch und es wert, wiederholt zu werden.
alle Fotos @Casagranda Foto